Tanger lebt von seiner einzigartigen und exponierten Lage

Bei Einbruch der Dämmerung, wenn die blaue Stunde über Tanger aufzieht, wenn die Hitze nachlässt und eine frische Brise vom Meer herüberweht, wird dieser Ort zum Magneten, zur Bühne und Manege in einem.

Über den Dächern der Stadt: Tanger soll nach dem Willen des marokkanischen König Mohamed VI. zu einem wichtigen Finanzplatz und Industriestandort ausgebaut werden. Foto: Esther Buchholz

Schuhputzer wuseln herum, Streuner und Stricher machen ihre Aufwartung, fliegende Händler preisen ihr Sortiment an, übertönen sich in kehligem Arabisch mit immer neuen Sensationspreisen, Porträtfotografen gehen in Stellung, Verliebte haben sich eingefunden für eine streng bemessene Zeit zwischen Büroschluss und Nachhausegehen.

Diese kanonenbewehrte Aussichtsterrasse an der Avenue Pasteur unweit der Nahtstelle zwischen Neustadt und Medina ist der Treffpunkt der Flaneure und Passanten, eine Art abendliche Verheißung. Das Panorama weitet sich über die Bucht von Tanger, vom Yachthafen bis zur Plage Malabata, in klaren Nächten glitzern drüben, gerade mal 14 Kilometer entfernt, die Lichter der südspanischen Küste. Afrika und Europa, muslimischer Orient und christliches Abendland, getrennt durch die Straße von Gibraltar, zwei Kontinente auf Sichtweite, zwei Welten, so nah, so fern.

Wer vom spanischen Festland eine Fähre nach Tanger nimmt, sollte die Verbindung von Tarifa buchen, alle anderen Fähren kommen inzwischen nicht in der Stadt an, sondern in der etwa 50 Kilometer nordöstlich gelegenen gare maritime, einer seelenlosen Abfertigungshalle in der Nähe des riesigen neuen Containerhafens Tanger Med. Die Fähren von Tarifa steuern den unterhalb des Kasbah-Hügels gelegenen alten Stadthafen an.

Die Magie der Ankunft ist unvergleichlich

Die Magie der Ankunft ist unvergleichlich – Seewind und Möwengelächter, Aromen von Grillfisch, Öl, Gärung und Fäulnis. Die Luft ist leicht salzig, am frühen Morgen von Nebelschwaden durchsetzt, die würdevoll verwitterten Fassaden an der alten Avenue d’Espagne, die heute, dem Trend der Zeit folgend, Avenue Mohamed VI. heißt, im ersten, noch schüchternen Licht. Über steile Anstiege, ausgetretene Treppen, durch schmale Gassen, Hohlwegen gleich, geht es hinauf ins Zentrum.

Tanger ist uralt und zugleich hypermodern, eine Stadt, die die Gezeiten der Historie mit stoischer Gelassenheit überlebt hat. Ihr Ursprung verliert sich im Mythos: Herkules soll dort die Erde gespalten und so die Meerenge von Gibraltar geschaffen haben, wo sich Atlantischer Ozean und Mittelmeer berühren. Die Stadt war in der Antike phönizische und karthagische Handelsniederlassung, dann, als Tingis, Hauptstadt der römischen Provinz Mauretania Tingitana. Sie wurde von den Wandalen erobert, geriet unter byzantinischen Einfluss, wurde im frühen 8. Jahrhundert von den Arabern erobert, 1471 von den Portugiesen, 1580 von den Spaniern, gehörte von 1661 bis 1684 zur britischen Krone und unterlag von 1923 bis 1956 den Diktaten der Internationalen Zone von Tanger.

In dieser Ära war Tanger eine Hochburg des internationalen Schmuggels, ein Eldorado für Spione und Glücksritter, für verschrobene Milliardäre und die Snobs der westlichen Welt, für die amerikanischen Beatniks und Aussteiger aller Couleur, ein Zentrum hemmungsloser Spekulation wie einer morbiden Prostitution.

Niemand hat das Skandalös-Anrüchige, das Vergänglich-Glamouröse, aber auch die schillernden Nachtseiten dieser Epoche so poetisch präzise beschrieben wie der große marokkanische Autor Mohamed Choukri, den Paul Bowles, der berühmteste Amerikaner in Tanger, entdeckt und übersetzt hat. Die phönizischen Gräberfelder in der Nähe des legendären, 1921 eröffneten Café Hafa unterhalb des Marshan-Villenviertels sind Zeugnisse dieser reichen Geschichte, ebenfalls die Bestände im Kasbah-Museum und in der Légation Américaine (8, Rue d’Amerique).

Wer, von der Place 9. Avril ausgehend, sich in den Gassenlabyrinthen der Viertel Petit Socco und Grand Socco verliert (Socco ist die spanische Form für Souk), entdeckt die nach Branchen gegliederten Märkte, wo Schnitz- und Metallarbeiten, Lederwaren, Keramik und Textilien feilgeboten werden. Fangfrischer Seefisch, Meeresfrüchte, Hummer und Langusten dominieren die Auslagen der Lebensmittelstände, ein besonderer Blickfang sind die Berberfrauen mit ihren breitkrempigen Strohhüten, die Obst und Gemüse aus dem Umland der Rif-Region verkaufen.

Der Petit Socco ist bis heute das Revier der billigen Pensionen (berühmt etwa die Pension Fuentes), der kleinen Cafés (an der Place du Petit Socco: das Café Tingis), der Garküchen und einfachen Läden geblieben.

Der marokkanische König Mohamed VI., seit 1999 auf dem Thron einer seit mehr als 350 Jahren regierenden Dynastie, hat für Tanger hochfliegende Pläne entwickelt. Die Stadt soll zu einem wichtigen Finanzplatz und Industriestandort ausgebaut werden. Richtung Kap Malabata sollen riesige Hotelkomplexe entstehen, der Yachthafen soll ausgebaut werden. Der neue Bahnhof für die geplanten TGV-Trassen ist bereits fertiggestellt.

Mag sein, dass Tanger im Zuge dieser Modernisierungen an ökonomischer Potenz gewinnen wird, was es an historischem Charme, an unverwechselbarer Atmosphäre einbüßt. Schon heute ist Tanger eine Kapitale mit mehr als einer Million Einwohnern, und der Siedlungsdruck wird sich in Zukunft noch verstärken. Wer nachts im Taxi in den Außenbezirken der Stadt unterwegs ist und die rasch hochgezogenen, noch unbewohnten Hochhausriegel sieht, ahnt etwas von dem Bauboom und Immobilienhype, der auch in Tanger grassiert.

“Tanger ist ein Bassin, aus dem man nicht wieder herauskommt, ein zeitloser Ort”, notierte Truman Capote. Tanger lebt, anders als die marokkanischen Königsstädte, weniger von einem Fundus klassischer Sehenswürdigkeiten als vielmehr von seiner einzigartigen, exponierten Lage, von seiner Atmosphäre und seiner historischen Aura.

Capote, selbst in Tanger gestrandet, wusste, wovon er schrieb, als er dem Tanger-Reisenden drei Dinge ans Herz legte: “Lassen Sie sich gegen Typhus impfen, heben Sie ihre gesamten Ersparnisse ab und sagen Sie ihren Freunden Lebewohl, denn es ist gut möglich, dass Sie sie nie wiedersehen.”

Tanger / Marokko

Anreise: Einziger Direktflug von Deutschland (bis 15. Oktober 2015) ist derzeit die Germanwings-Verbindung von Köln-Bonn nach Tanger (Donnerstag). Royal-Air-Maroc-Flüge nur über Casablanca. Infos und Buchung von Fähren etwa über Saharawings unter  089/59019900, Internet
http://www.marokkotours.de
Unterkunft: Das El Minzah Le Royal, eine Hotellegende aus den 1930er Jahren, verbindet gediegene Tradition mit klassischer Moderne, exzellente Gastronomie, superbes Panorama über die Bucht von Tanger. Deutsches Management (http://www.elminzahleroyal.com
Grand Hotel Villa de France, 2014 nach gründlicher Renovierung wiedereröffnet (http://www.ghvdf.com
La Tangerina, Gästehaus in der Kasbah mit zehn individuell eingerichteten Zimmern, deutsch-marokkanische Leitung, grandioses Panorama von der Dachterrasse (ww.latangerina.com)
Sicherheit: Marokko ist eine absolute Monarchie, in der gut ausgerüstete und effiziente Sicherheitsdienste agieren. Es gibt in Tanger keine No-Go-Areas; es versteht sich von selbst, gegenüber selbsternannten Fremdenführern ein gesundes Misstrauen walten zu lassen – und sich in keinerlei Drogengeschäfte verwickeln zu lassen.
Währung: 1 Euro entspricht etwa 10,65 marokkanischen Dirham (DH oder MAD).
Internet: http://www.visittanger.ma
http://www.visitmorocco.com