Matisse war hier!

Vor über 100 Jahren fand der französische Maler Henri Matisse Inspiration in Tanger. Doch wer in der nordmarokkanischen Hafenstadt nach seinen Spuren sucht, muss sich schon anstrengen.

Hotel Villa de France, Zimmer 35, links neben dem Bett:  Genau diese Aussicht inspirierte Henri Matisse bei seinem Gemälde «Fenster in Tanger». Foto: Michael Obert
Hotel Villa de France, Zimmer 35, links neben dem Bett: Genau diese Aussicht inspirierte Henri Matisse bei seinem Gemälde «Fenster in Tanger». Foto: Michael Obert

Lange stand die Postkarte auf meinem Nachttisch. Morgens, wenn ich nach dem Wecker tastete, begann mein Tag mit ihr, abends war sie das Letzte, was ich sah, bevor ich das Licht ausknipste. Sie zeigt ein Gemälde, eine Aussicht aus einem Fenster über grüne Dächer, blaue Gärten, einen weissen Turm, ein Minarett und eine Burg unter wolkenlosem Himmel. Hauchdünne Pigmentschichten lassen die Textur der Leinwand erahnen. Die Rückseite der Postkarte, gefunden auf einem Flohmarkt, ist unbeschrieben. Neben dem Adressfeld steht gedruckt: Fenster in Tanger, Gemälde von Henri Matisse, 1913.

Mehr als ein Jahr verbrachte Henri Matisse (1869–1954), einer der bedeutendsten Künstler der Klassischen Moderne, in der nordmarokkanischen Hafenstadt. In den Gassen und Gärten der Stadt an der Strasse von Gibraltar schuf der Hauptvertreter des Fauvismus einige seiner schönsten Gemälde.

Bei meiner Ankunft in Tanger hatte ich Ausstellungen, Führungen und Besucher erwartet, die auf den Spuren des französischen Malers wandeln. Matisse-Baseballmützen, Matisse-T-Shirts, Matisse-Schlüsselanhänger. Doch in der Touristeninformation sieht mich die Frau hinter dem Schreibtisch seltsam an. Sie streicht ihre Bluse und das blondierte Haar zurecht und sagt: «Ich bin in Tanger geboren. Tanger ist meine Stadt. Henri Matisse? Nie gehört.»

Auf dem Holzweg

«Aber . . . Matisse!», sage ich fassungslos und halte ihr meine Postkarte hin. Sie verschwindet im Büro ihres Vorgesetzten und kommt nach einer Weile mit einer zerfledderten Broschüre zurück. «Matisse à Tanger», sagt sie und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. «Mehr haben wir nicht.» Das Faltblatt ist über zehn Jahre alt.

Draussen auf dem Boulevard Pasteur, der Hauptschlagader der Stadt, treibe ich in einem Strom aus Flaneuren vorbei an Boutiquen, Parfümläden und Cafés. Wo immer ich nach Matisse frage: ratloses Kopfschütteln. Auf der Terrasse des Paresseux, der Terrasse der Faulen, einer grosszügig angelegten Aussichtsplattform, finde ich endlich einen Tangerois, der von Matisse gehört hat. Der bärtige Mann mit dem tätowierten Anker auf dem Unterarm blickt hinaus ins hypnotische Blau des Meers, nickt vielsagend und schickt mich zum Tanger Inn. Dort wisse man bestens über den Künstler Bescheid.

Doch die vergilbten Fotos an der Wand der Hafenspelunke zeigen nicht Henri Matisse – sondern William Burroughs, wie er in Tanger beschriebene Papierfetzen zerschneidet, um sie zur wahnhaften Lyrik seines Kultbuchs «Naked Lunch» zusammenzusetzen. In den 1940er- und 50er-Jahren galt Tanger als Welthauptstadt der Nonkonformisten; Beat-Poeten wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg schrieben hier und machten die Stadt zu einem Mythos. Doch Matisse hatte Tanger schon Jahrzehnte vor ihnen entdeckt.

Es ist ein deprimierter Matisse, der am 29. Januar 1912 im Hafen von Tanger von Bord der SS Ridjani geht. Sein Vater ist kürzlich verstorben; ein russischer Sammler hat zwei seiner Gemälde abgelehnt; Picasso droht ihn von der Spitze der Avantgarde zu verdrängen. Der 42-jährige Künstler braucht Abstand von Paris. Von Tanger erhofft er sich eine Selbsterneuerung. Meine Hoffnung indes ist, dass sich zumindest in den Museen der Stadt Spuren des «Revolutionärs der Klassischen Moderne» finden lassen. Aber Fehlanzeige. Kein Gemälde, nicht einmal eine Zeichnung. Matisse in Tanger: ein Phantom. Oder wie sich der Besitzer der Librairie des Colonnes ausdrückt: «Le Tangerois s’en foutent de Matisse!» Den Leuten hier sei Matisse schnurzpiepegal.

Der Buchhändler drückt mir eine Farbkopie in die Hand: Porte de la Casbah. Matisse habe das Tor gemalt, drüben in der Altstadt. «Links, rechts, rechts, links, rechts – dann die Treppen hinauf und immer geradeaus.» Durchgänge wie Tunnels, steile Treppen, Sackgassen. Dann taucht am Ende einer schmalen Flucht das Bab el-Assa auf, das mittelalterliche Altstadttor. Ich gehe zwei Schritte vor, einen nach rechts und noch mal einen halben zurück, bis mein Blickwinkel mit dem des Gemäldes übereinstimmt: Eingerahmt vom Stadttor liegen die Dächer von Tanger wie Schuppen auf den Hügeln. Matisse war hier!, denke ich erleichtert. Hier, genau hier.

Dieses Licht!

Diese «wörtliche» Lesart seiner Kunst hätte Matisse nicht gefallen: Die Malerei beinhaltete für ihn eine fast magische Verwandlung des Beobachteten durch die Gefühle des Künstlers. Matisse war nicht nach Marokko gekommen, um Motive zu kopieren. Er kam wegen des Lichts, dieses dauerhaften, grossen Themas in seinem Œuvre. In Tanger erschien es ihm «köstlich zart»: «Welch sanftes Licht!», schreibt er in einem Brief. «Ganz anders als an der Côte d’Azur.»

Eine Ahnung davon bekomme ich auf der Festung über der Altstadt. Von dort schweift mein Blick über die Bucht von Tanger und die Strasse von Gibraltar bis hinüber zu den spanischen Bergen bei Tarifa. Der Himmel verfinstert sich, ein Regenschauer geht nieder, gleich darauf reissen die Wolken wieder auf, und ein perlmuttartiges Licht ergiesst sich über die Stadt. Pinkstichiges Beige überzieht die Fassaden. Schatten füllen sich mit kühlem Grün. In den Gärten nehmen die Stämme der Atlaszedern und Korkeichen die Tönung von Lavendel an. Die weisse Stadt gleicht einer Leinwand, und die Natur trägt die Farben auf. Kein Wunder, hat sich Matisse in Tanger verliebt.

Am Ende treffe ich doch noch einen Matisse-Liebhaber. Rachid Tafersiti, der Chronist der Stadt, gilt als das «Gedächtnis von Tanger». «Matisse hat mir die Augen geöffnet», erzählt mir der 70-Jährige mit Schnauzbart und Lachfalten am Petit Socco, dem verträumten Marktplatz im Herzen der Altstadt. «Matisse hat mir meine Stadt in einem ganz neuen Licht gezeigt.» Mit einer ausschweifenden Handbewegung zeigt Tafersiti auf die Gewürzstände, Teppichläden und Cafés mit Stuckfassaden, welche die Gassen säumen. Alte Männer in Kaftanen spazieren umher, die gezipfelte Kapuze tief ins Gesicht gezogen, den Gehstock geschultert wie ein Gewehr.

Irgendwo hier, glaubt Tafersiti, müsse «Café marocain» entstanden sein, mit dem das Werk von Henri Matisse in Tanger seinen Höhepunkt erreichte. Der Maler pflanzte seine Marokkaner in den wiesengrünen Boden eines Cafés und leerte ihre Gesichter. Mit ihren weissen Turbanen wirken sie wie menschliche Blumen.

Im Märchenpalast

Ich zeige Tafersiti meine Postkarte. Er lächelt, er kennt das Fenster, das zu dieser Aussicht gehört: «Grand Hotel Villa de France, Zimmer 35, links neben dem Bett.» Das Hotel liegt auf einem Hügel am Rand der Altstadt. Über 20 Jahre lang war es geschlossen. Vor kurzem wurde der aufwändig renovierte Märchenpalast als Fünf­sternhotel wiedereröffnet. Melonengelbe Stuckfassade, säulengetragene Arkaden, ein exotischer Garten. Hier also malte Matisse mein Lieblingsbild, bevor er im Frühjahr 1913 nach Frankreich zurückkehrte. Noch Jahre später erblühten in seinem Werk leuchtend bunte Blumen, ein florales Feuerwerk, dessen Finale die Papiers découpés waren.

Die Tür von Zimmer 35 quietscht leise. Antiquierte Möbelstücke, ein altes Telefon, eine Kristallvase mit Blumen. Und drei Fenster. Ich öffne das linke neben dem Bett – und bekomme eine Gänsehaut. Es ist die Aussicht, die jahrelang auf meinem Nachttisch stand: Die grünen Dächer und der weisse Turm gehören zur anglikanischen Andreaskirche, das rechteckige Minarett zur Moschee Sidi Bou Abid. Verschachtelte Häuser streben hinauf zur mittelalterlichen Burg, dahinter glitzert die saphirblaue Scheibe des Meers. Lange sitze ich am Fenster und sehe zu, wie das Licht die Stadt in changierende Farben taucht. Ein Licht, das Häuser und Gärten nicht von aussen zu treffen, sondern aus ihrer Tiefe zu leuchten scheint. Wie auf dem Gemälde von Henri Matisse.

Bevor ich sein Zimmer verlasse, stelle ich die Postkarte auf den Fenstersims. Sie hat mich nach Tanger geführt. Jetzt brauche ich sie nicht mehr.

 

Source: Bazonline.ch